Kevin, der Kugelfisch

Ole Kratzat begleitet unser Jahresteam und damit im aktuellen Jahrgang sieben junge Frauen und zwei Männer. Mit ihnen bewegt
er auch das Thema Freiheit und spricht darüber, was Grenzen sind, wo sie herkommen und welche Bedeutung sie haben. Und er macht Mut, nicht den gleichen Fehler zu machen, der schon Kevin, dem Kugelfisch, zum Verhängnis wurde.

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 3/2026

Ich betrete die Bühne. Vor mir etwa 900 junge Menschen. Meine Aufgabe: Ich soll ihnen etwas über Freiheit erzählen. Ich fange also an und erzähle – von Kevin, dem Kugelfisch! Dieses Wassertier in seinem mittlerweile viel zu kleinen Goldfischglas träumt nämlich Tag ein, Tag aus davon, frei zu sein. Das Traurige: Kevin hat noch nie wirkliche Freiheit erlebt. Wenn er also von Freiheit träumt, dann hat er ein gewaltiges Aquarium von mehreren Metern Länge vor Augen. Nun wissen wir aber: Wirkliche Freiheit wäre etwas viel Größeres: Das Meer, ein riesiger Ozean ohne Begrenzung, ohne Glaswände. Wirkliche Freiheit übersteigt Kevins Vorstellungskraft – einfach, weil er sie nicht kennt.

Wir träumen zu eng

Wie stellen nun wir uns echte Freiheit vor? Viele von uns denken da vermutlich sofort an all die lästigen Alltagsaufgaben und Abhängigkeiten, die das Leben schwer und eng erscheinen lassen. Wenn ich doch bloß nicht mehr zur Schule gehen müsste, keine Verpflichtungen mehr hätte, finanziell unabhängig wäre und mir niemand mehr sagen würde, was ich zu tun oder zu lassen habe. Was, wenn ich einfach das tun könnte, wonach mir gerade ist? Ich denke, manchmal träumen wir ähnlich eng wie Kevin, der Kugelfisch. Wirkliche Freiheit übersteigt unsere Vorstellungskraft. Sie bedeutet mehr als Unabhängigkeit und unbegrenzte Möglichkeiten. Bei Jesus fängt Freiheit nicht außen, sondern innen an. Nicht bei unseren Ressourcen und Optionen, sondern in unserem Herzen. Nicht in dem, was wir tun, sondern in dem, wer wir sind. Was uns ausmacht und antreibt.

Johannes 8,36: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ Jesus spricht hier nicht von absoluter Unabhängigkeit und unzähligen Optionen, sondern von der richtigen Abhängigkeit. Es geht darum, frei von Schuld, aber abhängig von Jesus zu sein. Nicht länger von Sünde getrieben, sondern von ihm geführt zu werden. Man könnte sagen: Erst in der Beziehung zu Jesus entfaltet sich wirkliche Freiheit.

Die Sehnsucht nach Halt

Der deutsche Philosoph und Theologe Johannes Hartl schreibt: „Wir waren noch nie so frei und zugleich so unglücklich.“ Wer in der heutigen Gesellschaft aufwächst, hat im Grunde alle Freiheiten: Beruf, Partner, Sexualität, Hobbies, Lebensmittel – alles lässt sich individuell entscheiden und wählen. Und doch erleben wir, dass diese grenzenlosen Möglichkeiten nicht automatisch zu einem erfüllten Leben führen. Im Gegenteil: Viele junge Menschen spüren heute eine große Orientierungslosigkeit. Ausgerechnet in einer Zeit, die Freiheit so großschreibt, wächst die Sehnsucht nach
Halt. Für viele steht Gott allerdings für das genaue Gegenteil. Christlicher Glaube klingt nach Regeln, Verboten und Einschränkungen. Nach einem Leben, in dem ständig jemand „Nein“ sagt. Kein Wunder, dass manche denken: Mit Jesus verliert man Freiheit. Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis. Wir sehen oft zuerst die Grenzen und übersehen, wozu sie da sind.

Die Grenze schafft Raum

Ich muss da ans Bergsteigen denken: Wenn ich eine Kletterroute vor mir habe, bin ich froh, dass sie markiert ist. Ich möchte nicht völlig frei entscheiden müssen, wo ich meinen nächsten Griff setze. Ich bin dankbar für Sicherungen, Haken und ein Seil. All das schränkt mich zwar ein – aber macht gleichzeitig das Klettern überhaupt erst möglich. Die Begrenzung nimmt mir nicht die Freiheit, sondern schützt sie. So ähnlich ist es auch mit Gottes Geboten. Sie sind keine Glaswände, die uns das Leben klein machen. Sie sind eher ein Geländer an einem steilen Weg. Nicht dazu da, um die schöne Aussicht zu mindern, sondern um einen Absturz zu vermeiden.

Grenzen haben in unserer Gesellschaft oft einen schlechten Ruf. Dabei erleben wir jeden Tag, wie wertvoll gesunde Grenzen sind. Eine Ehe lebt zum Beispiel nicht davon, dass sich beide Menschen alle Möglichkeiten offenhalten. Sie lebt davon, dass zwei Menschen sich bewusst füreinander entscheiden und damit an-
dere Optionen ausschließen. Gerade diese Grenze schafft einen Raum für Vertrauen, Sicherheit und hingebungsvolle Liebe. Die Begrenzung zerstört die Freiheit nicht – sie bewahrt sie. Vielleicht ist das eines der großen Geheimnisse echter Freiheit: Nicht jede Grenze macht unfrei. Manche Grenzen machen Freiheit überhaupt erst möglich.

Er bietet Orientierung

An diesem Punkt wird es herausfordernd. Denn Jesus spricht nicht nur von Freiheit, sondern auch von Hingabe. Und das klingt erst einmal wie ein Widerspruch. Wie kann ich frei sein, wenn ich mein Leben einem anderen anvertraue? Ist Hingabe nicht das Gegenteil von Freiheit? Ich glaube, wir verwechseln Hingabe oft mit Selbstaufgabe. Selbstaufgabe bedeutet: Ich verliere mich selbst. Hingabe an Jesus bedeutet: Ich finde meinen eigentlichen Platz. Jesus nimmt uns nicht unsere Persönlichkeit, unsere Begabungen oder unsere Träume. Er befreit sie von dem Druck, ständig alles aus eigener Kraft sein und schaffen zu müssen.

Gerade junge Menschen hören ständig die Botschaft: „Folge deinem Herzen.“ Klingt gut – bis das Herz heute dies und morgen etwas völlig anderes will. Gefühle sind wichtig, aber sie sind kein verlässlicher Kompass. Jesus bietet mehr als einen Moment der Inspiration. Er bietet Orientierung, die trägt, wenn Gefühle schwanken und das Leben unübersichtlich wird. Vielleicht ist das die größte Freiheit überhaupt: nicht mehr Sklave jeder Stimmung, jeder Meinung und jedes Trends zu sein. Nicht jedem Impuls hinterherlaufen zu müssen. Sondern einen festen Ankerpunkt zu haben, von dem aus ich mutig leben kann.

Hingabe an Christus macht das Leben deshalb nicht kleiner, sondern weiter. Sie nimmt uns nicht die Freiheit, sondern richtet sie auf das aus, wofür wir geschaffen sind. Grenzenlose Freiheit verspricht: „Du gehörst nur dir selbst.“ Jesus sagt: „Du gehörst zu mir.“ Und genau darin liegt eine Freiheit, die stärker ist als Schuld, Angst und sogar der Tod.

Ole Kratzat ist mit Nadine verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er absolvierte 2020 das Theologische Seminar und kehrte nach zwei Jahren Gemeindeerfahrung nach Adelshofen zurück. Neben der Leitung des Jahresteams kümmert er sich um Jugendevents, Freizeiten und seine Musik.