Frei, zu machen, was ich will

Ja, das mit der Freiheit ist so eine Sache. Der eine kommt gut damit zurecht, der andere tut sich ziemlich schwer; aber alle sind wir damit beschenkt und gesegnet. Von Gott. Dauerhaft und endgültig.
Kris Madarász weiß um die Herausforderung, diesem Geschenk und Segen im alltäglichen Leben den richtigen Platz zu geben und setzt sich mit Worten von Paulus an die Galater auseinander.

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 3/2026

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„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (5,1)

Nicht erst hier, gegen Ende seines Briefes an die Gemeinde in Galatien, hören wir, wie Paulus leidenschaftlich, beinahe überschwänglich seiner Überzeugung Ausdruck verleiht. In diesem Brief geht es ihm ums Ganze, um den Kern seines Glaubens, ums Eingemachte. Wo er sonst, bei allen Problemen, die es in den neu gegründeten Jesus-Gemeinschaften gab, immer erst mit Dank beginnt, fällt er hier nach einer förmlichen Begrüßungsformel direkt mit der Tür ins Haus: „Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem anderen Evangelium, obwohl es doch kein anderes Evangelium gibt“ (1,6), um gleich noch zweifach anzufügen: Wer auch immer euch was anderes gepredigt hat als das Evangelium, das wir euch gebracht haben, der „sei verflucht.“ (1,8f) Wie kaum irgendwo sonst wird Paulus emotional: „Meine Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne! – (...) ich bin ratlos euretwegen!“ (4,19f). Und seine Polemik ist kaum zu überbieten, wenn er denen, die den Neubekehrten die Beschneidung gebieten, empfiehlt sich doch am besten gleich selbst kastrieren zu lassen (5,12). Man spürt beim Lesen: Paulus geht es um die ganz großen, zentralen Fragen des Glaubens: Gesetz oder Gnade. Leistung oder Geschenk. Eine gespaltene Gemeinschaft aus Juden und Nicht-Juden oder eine große Familie mit Jesus als Zentrum. Und letztlich, ein Leben in Sklaverei oder Freiheit. Entweder – oder. Kein Sowohl – als auch: Wenn ihr euch für den Weg des Gesetzes entscheidet, dann „habt ihr Christus verloren“ und seid „aus der Gnade herausgefallen“ (5,4).

Es gilt für alle

Paulus’ ganze Fassungslosigkeit bündelt sich in seinem Ausruf: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch verzaubert, denen doch Jesus Christus vor Augen gemalt war als der Gekreuzigte?“ (3,1) Ihr habt doch die frohe
Botschaft gehört, gesehen und erfahren, als ich bei euch war: Jesus, der verheißene Messias, der Christus, ist tatsächlich gekommen („als die Zeit erfüllt war“), hat sich dem Gesetz ganz unterstellt und „die, die unter dem Gesetz waren, losgekauft, damit wir die Kindschaft empfingen“ und durch den Heiligen Geist „Abba, lieber Vater“ zu Gott sagen dürfen (4,4ff). Gott hatte Abraham vor langer Zeit versprochen, was nun eingetroffen ist: Menschen jeder Herkunft, aus allen gesellschaftlichen Schichten sind eingeladen, Teil der Familie Gottes zu sein. Es gibt keine Hürden mehr. Niemand ist ausgeschlossen! Es hängt eben nicht an Thora, Feiertagen, Speisevorschriften oder der Beschneidung. Es hängt allein an der Verbindung zu Jesus Christus! Hier ist Kindschaft, Versöhnung, Freiheit, Sinn und ewiges Leben zu finden. Und jetzt wollt ihr euer Glück ernsthaft wieder in euren religiösen Anstrengungen suchen?

Was kann ich tun?

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann fühle ich mich ein bisschen ertappt. Das kann schon mal passieren, oder? Dass man das Bewusstsein für die Einzigartigkeit und Schönheit, die Wucht und Brisanz dieser Botschaft von Gottes Liebe, wie sie sich im Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus in unüberbietbarer Weise gezeigt hat, irgendwie verliert. Dass man sich daran gewöhnt und sich unmerklich andere Dynamiken einschleichen. Wir mögen nicht zuerst daran denken, uns beschneiden zu lassen, aber letztlich geht es doch um Gedanken wie: Lieber auf Nummer sicher gehen. Jesus zu vertrauen ist gut, aber ein bisschen religiöse Anstrengung on top kann sicher nicht schaden. Unbemerkt können Dinge wie geistliche „Performance“, Gottesdienstbesuch, spirituelle Erfahrungen, Fortschritte in der Heiligung, Missionseinsätze, Spenden oder ehrenamtliche Mitarbeit zu Dingen werden, die nicht bloß dankbarer Ausdruck unserer Nachfolge sind, sondern zu Wegen werden, wie wir uns doch unseren Stand vor Gott wieder aus eigener Kraft sichern wollen – wo uns doch unendliche Annahme längst geschenkt ist. „Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr’s denn nun im Fleisch vollenden?“ (3,3) Aber woran merke ich denn, ob eine gute geistliche Praxis – gegen die Paulus ja keineswegs was einzuwenden hat – freier, dankbarer Ausdruck meiner Freude und Liebe zu Jesus ist oder zum Mittel meiner Selbstrechtfertigung wird?

Warum machst du das?

Ich erinnere mich gut an mein erstes Jahr als Musikpastor in der Frankfurt City-Church vor beinahe 14 Jahren. Ich war für die Planung der Ostergottesdienste zuständig und dabei, die Lieder für die Anbetungszeiten zusammenzustellen. Ich
wollte das unbedingt richtig gut machen. Ich wollte, dass das die besten Ostergottesdienste überhaupt werden. Stundenlang habe ich an der Anordnung der Lieder gefeilt und die Lieder hin und her sortiert. Aber ich war einfach nicht zufrieden. Das geht doch noch besser! Irgendwann war ich total gestresst und eine leise Stimme in meinem Inneren meldete sich zu Wort: „Krisztian, was ist eigentlich mit deiner Osterfreude? Wo ist sie hin? Warum machst du das hier alles?“

Unmerklich ist aus meiner Freude am Ostergeschehen eine ungute Ambition geworden, eine makellose Liturgie zu erstellen und Lob und Anerkennung dafür zu ernten.

Keine Panik

Der Weg der Freiheit zeigt sich an der Frucht des Geistes, an „Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanft-
mut und Keuschheit“ (5,22). Wenn wir beginnen, uns anderen entweder überlegen oder unterlegen zu fühlen, wenn wir panisch reagieren, wenn unsere religiöse Performance einbricht; wenn wir Kritik
übermäßig persönlich nehmen oder un-
ser Wohlbefinden davon abhängig machen, wie unsere „Stille Zeit“ gerade läuft; wenn wir Christinnen und Christen anderer „Lager“ in Schubladen sortieren und bewerten und wieder Grenzen untereinander hochziehen, die da nicht sein sollten, dann sind wir dabei, unsere Freiheit zu verlieren.

Dann passiert es außerdem, dass unser Hang zur Selbstrechtfertigung nicht nur Privatsache bleibt, sondern, wie damals in Galatien, Auswirkungen auf unser gan-zes Umfeld hat. Deshalb ist Paulus so scharf und so leidenschaftlich da hinterher, seine Leser wieder auf Kurs zu bringen. Nicht nur die persönliche Freiheit steht auf dem Spiel, sondern auch die Einheit der weltweiten Kirche als eine Familie Gottes! „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (5,1)

Geht nicht zurück

Wie sieht nun dieses „gesetzlose“ Leben der christlichen Freiheit aus? Hier überrascht mich Paulus mit einer paradoxen Antwort, denn in eben diesem unseren Abschnitt in Kapitel 5 antwortet er sinngemäß so: Geht nicht zurück unter das Gesetz, das würde euch nur wieder versklaven, sondern erfüllt in der Liebe das ganze Gesetz und seid frei! „Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem anderen. Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘“ (5,13f) Ausgerechnet in der Freiheit vom Gesetz, im Raum des Vertrauens, da wo wir die Erfahrung machen, dass wir bedingungslos geliebt sind, werden wir zu der Liebe befähigt, in der sich das ganze Gesetz erfüllt! Und so werden wir nicht dazu befreit, tun und lassen zu können, was uns in den Sinn kommt, sondern als befreite und geliebte Menschen unseren Nächsten in Liebe zu begegnen und zu dienen.

Der Schlüssel

Luther hat es am Beginn seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ähnlich ausgedrückt, wenn er unvermittelt die beiden Aussagen nebeneinanderstellt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Christliche Freiheit ist nicht Freiheit von jeder Bindung, sondern Freiheit zu tätiger Liebe. Ich glaube diese Erkenntnis hat Paulus in der Begegnung mit dem auferstandenen Christus gewonnen, die sein ganzes Leben auf eine völlig neue Spur gebracht hat. Über diese eine Sache kam er nie hinweg, darüber war er zeitlebens fassungslos hingerissen und er hat sein Leben in den Dienst seines Herrn gestellt, „der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ (2,20) Hier ist der Schlüssel zur Freiheit für Paulus, für die Galater und auch für uns. Hier in der Begegnung mit der Liebe von Jesus Christus zu mir ganz persönlich, ob ganz neu oder immer wieder. Hier findet auch die religiöse Praxis wieder ihren richtigen Ort: Gottesdienst, Abendmahl, Gebet und Anbetung helfen uns, uns zu erinnern, lassen uns das Geschenk der Gnade immer wieder neu empfangen und die Gemeinschaft mit Gott und miteinander genießen. So wird sie zum Ausdruck unserer Freiheit und ist nicht länger Versuch der Selbstrechtfertigung.

Ein gesetzloses Leben? Ja, wenn wir damit meinen, dass sich in der Liebe, die wir empfangen haben und weitergeben, das Gesetz erfüllt. Es ist kein zügelloses Leben, sondern eines, das von der Melodie der Gnade durchdrungen ist und in Freude, Dankbarkeit und Liebe im Umgang miteinander zum anbetenden Klang wird – und zum Jubelruf: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“

Kris Madarász ist Musiker, Songwriter und Pastor in der Frankfurt CityChurch, einer jungen Kirche im Herzen von Frankfurt am Main. Neben seiner Gemeindearbeit vermittelt er in Seminaren, Konzerten und Workshops theologische Grundlagen und praktische Hilfe für die Musikarbeit in Gemeinden und schreibt deutschsprachige Anbetungslieder. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Frankfurt.