Die Beine sind zu kurz

Es gibt Momente oder Menschen, die nicht so sind, wie wir uns das wünschen. Die uns frustrieren und enttäuschen, weil sie nicht unseren Erwartungen entsprechen. Sr. Martina Luschnat hinterfragt zunächst sich selbst und will verstehen, ob bei ihr alles in Ordnung ist. Und sie hinterfragt die Gemeinschaft. Ist wirklich immer alles so einfach und klar, wie es einem selber scheint?

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 3/2026

Da bin ich aber echt enttäuscht. Als ich vor Jahren mal jemanden diesen Satz sagen hörte und ihn vielleicht zum ersten Mal auch ganz bewusst wahrnahm, war ich
überrascht über den Begriff „enttäuscht“, und stellte fest, dass ich selbst dieses Wort so gut wie überhaupt nie benutze. Und ich fragte mich, warum eigentlich nicht? Wie kommt das? Ich kenne doch das Wort, aber irgendwie ist es offenbar nicht in meinen Wortschatz eingegangen. Vielleicht auch deshalb nicht, weil es in meinem Elternhaus nicht gebraucht wurde. Sätze wie „Du hast mich enttäuscht“, „Ich bin von dir enttäuscht“ oder „Ich finde es ist enttäuschend, wie das gelaufen ist“, sind mir gänzlich fremd. Nein, so formuliere ich einfach nicht.

Wahrnehmung

Warum nicht? Erlebe ich etwa keine Enttäuschungen oder kann ich dieses Gefühl einfach nur nicht greifen, nicht einordnen, nicht benennen? Oder verwende ich einfach einen anderen Begriff für den gleichen Sachverhalt? Wie kommt es, dass Menschen um mich herum über ihre Enttäuschungen sprechen, ich aber nicht – bin ich am Ende gefühlskalt und unempathisch? Nun, ja, ich bin sicher grundsätzlich ein eher sachlich geprägter Typ und damit mehr auf der rationalen als auf der emotionalen Schiene unterwegs, das ist keine Frage. Und sicher führt das auch zu der ein oder anderen Gewichtung meiner Wahrnehmungen, oder besser gesagt der Schlüsse, die ich daraus ziehe. Natürlich gibt es Situationen in meinem Leben und Arbeiten, die nicht so eintreffen, wie ich mir das vorgestellt oder gewünscht habe. Natürlich verhalten sich Menschen um mich herum auch in einer Art und Weise, die für mich schwer nachzuvollziehen ist. Natürlich erlebe ich Momente, die ich nicht im Griff habe und Situationen, die sich anders entwickeln als gehofft. Aber ich käme eben nicht auf die Idee, das als Enttäuschung zu beschreiben. Meine Wahl des Ausdrucks wäre da eher: „Ach, wie schade, das hätte ich mir aber wirklich anders gewünscht“, oder „Wie bedauerlich“, oder „Nun ist es eben so“.

Bewertung

Natürlich setze ich mich mit dieser Frage zunächst mal ganz persönlich für mich als Mensch auseinander. Aber – und auch
das ist natürlich – taucht dieses Thema immer mal wieder auch für mich als Leiterin der Kommunität auf. Manche meiner Geschwister erleben Enttäuschun-
gen, wo ich es nicht tue. Allein der Veränderungsprozess in unserem Haus bietet da reichlich Potenzial. Und sie reden darüber. In aller Freiheit. Gott sei Dank! Der eine mag enttäuscht sein und gewichtet seine Erfahrung sehr stark, der andere findet etwas schade und ist mit seiner Reaktion eher zurückhaltend. Was davon ist richtig, was wäre das zielführende Verhalten, was bringt uns wirklich weiter? Mich als Person, und uns als Kommunität, für die ich als Leiterin ja eine gewisse Verantwortung trage?

Ja, es ist so. Ich erlebe Dinge, die anders laufen, als ich es mir gewünscht oder gedacht habe, aber ich finde mich eben offenbar relativ schnell mit den Gegebenheiten ab, und halte mich nicht so lange mit der Frage auf, wie ich mich jetzt damit eigentlich fühlen soll. Oder will. Je nachdem, um was es sich im Einzelnen handelt, erlebe ich aber auch einen gewissen Schmerz, wenn etwas anders kommt, als ich das gehofft habe. Einen gesunden Schmerz, wie ich meine, einen der mir hilft, ehrlich zu sein. Und der mich an die Geschichte über den Fuchs und die Weintrauben erinnert. Der Fuchs sieht die Trauben am Weinstock, hat Lust darauf und will sie sich holen. Aber er ist zu klein und reicht nicht zu ihnen heran. Sein Resultat: die Trauben sind sowieso viel zu sauer. Damit legt er sich eine Version der Wahrheit zurecht, die seine Frustration kaschiert. Er lässt gedanklich nicht zu, dass seine Beine zu kurz sind, und er deshalb nicht an die Trauben kommt.

Klärung

Manche Enttäuschung basiert darauf, dass jemand nicht deutlich genug gesagt hat, was und wie er etwas getan haben möchte. Ich bin ja gelernte Tischlerin und stelle mir gerade vor, ein Kunde beauftragt mich, einen Schrank zu bauen, ohne mir zu sagen, ob der zwei oder drei Türen haben soll. Da ist ein Konflikt vorprogrammiert, weil die Erwartungen nicht klar kommuniziert wurden. Mancher traut sich allerdings auch nicht, den eigenen Wunsch deutlich zu formulieren, weil er meint, das sei zu egoistisch oder sonst irgendwie unangemessen. Oder man möchte sich nicht festlegen, wie etwas werden soll, weil man dem anderen die Freiheit lassen möchte, es zu tun, wie er denkt. Er wird es schon richtig machen, und man hofft, er wisse ohnehin, wie man es sich wünscht. Aber klar am Ende ist: Da, wo Dinge nicht in aller Klarheit abgesprochen und gemeinsam festgelegt sind, baut sich viel Spielraum für Frust und Kummer auf. Nicht, weil sich jemand falsch verhalten hätte, sondern weil die Grundlage nicht gemeinsam gut und klar und eindeutig formuliert wurde. Und wieder muss ich auch an unser Werk denken. Gedanken und Erwartungen allein können nie das Fundament sein, auf dem etwas entstehen oder sich entwickeln soll. Sie finden nur in einem selbst statt und reichen für ein gemeinschaftliches Handeln nicht aus.

Perspektive

Enttäuschungen gehören zu unserem Leben dazu und es ist gut, sich diese auch einzugestehen und den Schmerz anzuerkennen, der damit einhergehen kann. Je nach Situation braucht das Zeit, manchmal viel Zeit. Wesentlich scheint mir auch die Analyse zu sein: Warum bin ich enttäuscht? Was hat mich verletzt? Und wie würde die Sache oder Situation aussehen müssen, damit ich damit zufrieden wäre? Kann ich das in konkrete klare Worte fassen?

Wie schon gesagt; ich selbst bin jemand, der nicht so festgelegt ist, wie etwas zu sein hat. Da gibt es bei mir viel Freiheit, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man Dinge ganz unterschiedlich sehen und umsetzen kann. Es gibt nicht immer ein Richtig oder Falsch. Infolgedessen leide ich selbst auch weniger an Enttäuschungen. Aber mir ist natürlich klar, dass das bei anderen anders ist. Im Lichte all dessen ist mir wichtig: Wir haben große Freiheit, uns durch die Augen Gottes zu sehen, zu achten und miteinander unterwegs zu sein. Denn denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Römer 8,28

Sr. Martina Luschnat ist Leiterin der Kommunität und gehört zum Stiftungsvorstand