Schritt für Schritt in weites Land

Fünfzig Jahre sind kein Pappenstiel, für manche ist das länger, als sie leben oder zurückdenken können. Für Sr. Geertken Lahuis ist es genau die Zeit, die sie bisher in der Kommunität Adelshofen lebt – und in der sie Gott immer und immer wieder auf frischer Tat ertappt hat. Wo er ihr im Besonderen begegnete, was er tat und wie er sie geführt hat, erzählt sie in einem sehr persönlichen Rückblick.



Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 2/2026

Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, staune ich über den Wert, den Gott da hineingegeben hat. Dabei stehen mir nicht nur die vergangenen 50 Jahre vor Augen, sondern mein ganzes Leben überhaupt. Schon von Kindheit an wusste ich um Gottes Liebe zu mir, und natürlich habe ich gebetet, oftmals und vor allem in schwierigen Situationen. Wenn es mir dagegen gut ging, gestaltete ich mein Leben eher nach eigenem Gutdünken. Rückblickend staune ich, wie sehr Gott mich in allem bewahrt hat, im Guten wie im Schlechten, und wie er über meinem von Abenteuerlust geprägten Leben wachte. Darüber gebührt ihm die Ehre und mein allergrößter Dank.

Ab in den Süden

Während einer Evangelisation mit Ulrich Parzany in Nordhorn kam ich zum lebendigen Glauben an Jesus Christus und unterstellte ihm meine Lebensführung. Ich hatte erkannt: Er kennt mich und weiß, was ich brauche. Auf einer Freizeit mit der Liebenzeller Mission in Norwegen entschloss ich mich dann, meinen Wohnort zu wechseln und begann 1973 als Krankenschwester im Neuenbürger Krankenhaus im Schwabenland zu arbeiten. Dort entdeckte ich: zwischen dem Norden und dem Süden Deutschlands liegen – von der Mentalität her – doch manche Unterschiede.

Dann lernte ich Adelshofen kennen. Nachdem ich zwei Jahre die Bibelschule (jetzt Theologisches Seminar) besucht hatte, wagte ich den Sprung in die Kommunität. Gerade in der ersten Zeit lebten wir sehr schlicht. Da unsere Wohnmöglichkeiten begrenzt waren, teilten wir uns zu dritt ein Zimmer. Gerne denke ich an wunderschöne Feste zurück, die uns verbanden. Für das Geld, das wir zum Bauen brauchten und auch für Nahrungsmittel beteten wir und vertrauten unserem Vater im Himmel. Und er gab – oftmals in letzter Minute. Für mich persönlich habe ich diese so kindliche Lebensweise in meinem Leben bewahrt und lebe sie bis heute.

Gar nicht so heilig

Das gemeinsame Leben in der Kommunität war aber auch herausfordernd. Ich hatte es mir harmonischer und irgendwie „heiliger“ vorgestellt. Manche Geschwister dachten so ganz anders als ich! Einige waren in ihren Ansichten viel weiter und offener, andere wiederum deutlich enger gestrickt. Außerdem gab es krisenhafte Zeiten in unserer Gemeinschaft, die mich enorm herausforderten und die ich nur schwer verkraftete. In solch einer Zeit verließ ich die Kommunität. Aber ich hatte meine psychische Belastbarkeit in dieser Situation unterschätzt und nach kurzer Zeit stellte sich eine Depression ein; meine Geschwister der Kommunität nahmen mich wieder auf, wofür ich ihnen bis heute dankbar bin. Ich wurde begleitet, geliebt und bekam den Freiraum, mit eingeschränkter Kraft im Zentrum zu leben und zu arbeiten. Diese Phase dauerte etwa 10 Jahre und war sehr schwer. Am Ende dieser Zeit wurde mir mehrmals, einmal sogar auf übernatürliche Weise, das Wort aus Psalm 27,1 zugesprochen: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“ Gott stand zu seinem Wort. Die Depressionen verschwanden schließlich und Freude hielt wieder Einzug in mein Herz.

Es geht mir so gut!

Rückblickend steht mir vor Augen: Gott hatte einen langen, sehr langen Atem. Als mich kürzlich jemand nach meinem Ergehen fragte, rutschte es mir heraus: „Es geht mir so gut wie noch nie in meinem Leben.“ Ich werde, so Gott will, im nächsten Jahr 80 Jahre alt. Leben darf ich in einer Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern, darin speziell in einer Wohngruppe mit 5 Schwestern. Es gibt keine langweiligen Tage. Im „Haus der Kommunität“ kümmere ich mich um Sauberkeit und Ordnung. Aber auch für andere Aufgaben stehe ich immer wieder zur Verfügung. Ich bin dankbar für Andachten und Gebetszeiten in unserem Zentrum, und das praktisch vor der Haustür. Trotz meines Alters bin ich gesund und munter. Gott kennt mich, er achtet auf mich und er sorgt. Menschlich gesehen hätte ich mein Leben in solch einer Fülle nicht hinbekommen. Als im Jahr 1947 Geborene musste ich nie Krieg und Obdachlosigkeit erleben. In all dem eine von Jesus geleitete Führung, Gott hatte so viel Geduld mit mir, gab nie auf! Nach allem, was ich bisher erlebt und durchlebt habe, weiß ich: Er hat auch die restliche Zeit meines Lebens in seiner Hand. Es mögen zwar noch herausfordernde Zeiten kommen, auch in unserem Werk – doch größer als der Helfer ist die Not ja nicht!

Ein Leben lang Schule

Die Zeit meines Lebens verging bisher sehr schnell, so kommt es mir jedenfalls vor. Eine Zeit, in der ich in der Schule des größten Lehrers aller Zeiten war. Ein direktes Eingreifen Gottes in den verschiedenen Lebensphasen habe ich allerdings kaum erlebt, es war oftmals mehr ein Ringen und Beten und Warten. Am Ende veränderte sich darin mehr mein Denken als die Umstände. Ich erinnere mich an eine Situation, als am Anfang meines Weges in der Kommunität ein Mann vor der Küchentür stand und eine Lebensmittelgabe brachte. Es brauchte einen kräftigen Ruck in meinem Herzen, diese mit einem Dankeschön entgegenzunehmen. Bis dahin war ich eigentlich immer diejenige, die andere beschenkt hatte und jetzt ging es umgekehrt. In den etwa 27 Jahren Arbeit in unserer Großküche, mit einer Verköstigung von zum Teil 120 Personen täglich und bis zu 1000 Gästen bei Großtreffen, nahm mich Gott mit in sein Boot. Ich durfte lernen: Im Herzen sorgt er.

Gott kennt mich

Um auf die Frage zurückzukommen, die mir kürzlich gestellt wurde: wie geht es mir? Es geht mir gut! Mit meiner Vergangenheit bin ich versöhnt. Ich bin Gott unendlich dankbar für die Führung meines Lebens. Wer hätte das gedacht? Gott hat mich von einem kleinen Bauernhof in Norddeutschland an der holländischen Grenze in den Süden und in die Kommunität gerufen, mir Schritt für Schritt Wege gezeigt in ein weites Land. Er hat mir Schuld vergeben, hat mir geholfen, Dinge loszulassen, auch manches abzugeben, was ich nicht tragen kann und brauche. Diesem treuen Herrn, der mich so gut kennt, vertraue ich auch gerne mein weiteres Älterwerden und die Zukunft an. Ihm alle Ehre und von ganzem Herzen Dank!

Sr. Geertken Lahuis ist gelernte Krankenschwester und im Zweitberuf Meisterin der Hauswirtschaft, gehört seit 1976 zur Kommunität und liebt es, in aller Frühe durch die Felder zu streifen und Gott zu loben.