Der Angst ins Auge schauen

Nicht wenigen Menschen käme es gelegen, wenn sie ihre Ängste abstreifen könnten, wie ein schmutziges Paar Socken, das sie dann nicht waschen, sondern sofort dauerhaft entsorgen. Dass das nicht nur eine utopische, sondern vor allem auch gar keine schlaue Vorstellung ist, erklärt Joachim Klein und meint: Schau der Angst ins Auge!

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 1/2026

Der Angst ins Auge schauen

Wir sitzen in der wackeligen Gondel, auf dem Weg nach oben. Unser Ziel ist die wunderbare Aussicht auf dem Berg. Dabei hatten wir uns den großen Berg vorgenommen; den, mit der großartigen Rundumsicht. Das hat mich begeistert. Meine Begeisterung hat auch in der Gondel angehalten und ich war fasziniert von der Weite, der Höhe der Berge und von den Menschen, die immer kleiner wurden. Plötzlich fragte mich meine Frau „… und was ist jetzt mit deiner Höhenangst?“ Da war sie wieder. Wie mit einem Schalter umgelegt, vom einen auf den anderen Moment, vom einen in den anderen Modus. Plötzlich: wie erstarrt! Zum Glück war die Faszination stärker und das Gefühl der Angst trat sogleich weitgehend in den Hintergrund. Und auch wenn es sich nicht immer so leicht auflöst; für mich fühlte es sich in der Situation erst einmal leichter an. Das war eine wichtige Erfahrung: Angst lässt sich überwinden. Mitten im Urlaubsalltag. Ganz ohne Üben und Tools und Therapie. Eine scheinbar ganz natürliche Lösung für ein langanhaltendes Problem: Höhenangst, fachsprachlich „Akrophobie“. Für manche Menschen sind Angstphänomene so einschränkend, dass sie sich kaum mehr normal im Alltag bewegen können. Aber was ist das eigentlich, Angst? Und ist Angst mehr als Furcht?

Angst oder Furcht?

Im alltäglichen Sprachgebrauch unterscheiden wir zumeist nicht zwischen Furcht und Angst. Dabei lassen sich die beiden Begriffe fachlich ziemlich klar abgrenzen: Furcht ist eine sogenannte Realangst. Sie bezieht sich auf konkrete und auch für andere wahrnehmbare Situationen und Objekte, zum Beispiel ein auf den Menschen zurasendes Auto, ein angreifender Hund, schnelle Schritte einer nicht sichtbaren Person im dunklen Treppenhaus - und bringt das Herz zum Rasen. Es gibt also eine klare, reale Bedrohung von außen, die rational erfassbar ist. Angst dagegen tritt in Situationen auf, die nicht eindeutig sind. Wenn ich zum Beispiel alleine zuhause bin und ein unbekanntes Geräusch höre, ist Angst ein eher allgemeines, unbestimmtes Gefühl von Bedrohung oder Sorge. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Manche haben vielleicht „irgendwie ein schlechtes Gefühl“ vor der Zukunft. Andere erleben eine Anspannung oder schlechten Schlaf vor Prüfungen. Und das meist ohne konkreten Auslöser. Angstphänomene finden sich dazu auch häufig zusammen mit grübeln und sorgen sowie depressiven Phasen. Während wir also im Sprachgebrauch synonym wechseln, können die Begriffe, vor allem für die Forschung, deutlich unterschieden werden. In der medizinisch- praktischen Diagnostik dagegen taucht Angst vor allem als Überbegriff der Hauptstörungen auf, wogegen Furcht in den konkreten Beschreibungen von Phänomenen verwendet wird.

Ängste sind gar nicht so selten. Im Gesundheitsbarometer zur psychischen Gesundheit in Deutschland werden Ängste an dritter Stelle als Belastungen nach Stress und Depressionen gelistet. Bundesweit erfüllt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mehr als jeder vierte Erwachsene im Zeitraum eines Jahres die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen hier unter anderem auch Angststörungen. Während der Pandemiezeit haben Angststörungen weltweit um etwa 25 Prozent zugenommen. Erstaunlicherweise blieben sie dann sogar im weiteren Verlauf auf hohem Niveau. Das zeigt möglicherweise, dass nicht nur die während der Pandemie stärker in den Fokus getretene Tendenz zur Einsamkeit diese Phänomene fördert. Auch die Auswirkungen digitaler Medien, die Komplexität des Lebens in unserer Zeit und dazu der Rückgang von Spiritualität, wie Professor Schönfeldt-Lecuona der Uni Ulm in einem Interview betont, verstärken Störungen der psychischen Gesundheit. Hiervon sind gerade auch junge Menschen zunehmend betroffen.

Angst motiviert

Angst gehört zum Leben, oder wie es ein Theologe mal formuliert hat: „Angst macht den Menschen zum Menschen“, und konfrontiert uns auch mit unserer Sterblichkeit. Der Mensch könnte ohne Angst nicht (über-)leben. Während viele Angst vermeiden möchten, da es für sie ein negatives Gefühl ist, gehört es mitten ins Leben. Angst ist ein natürlicher Schutzmechanismus und ein hilfreiches Warnsystem für gefährliche Situationen. Allein deshalb ist sie schon wichtig und nützlich. Manchmal erleben wir aber auch eine zwiespältige Gefühlslage, wie sie für manche beim Achterbahnfahren entsteht. Der von Michael Balint geformte Doppelbegriff der „Angstlust“ signalisiert jedoch auch noch etwas anderes: Motivation. Ohne Angst würde ich nicht hochkonzentriert und mit lustvollem Lampenfieber in eine Präsentationsarena steigen und sozusagen „das Beste“ geben. Angst unterstützt mich also dabei, in Höchstform zu kommen und Dinge richtig gut umzusetzen. Das vergessen wir manchmal, wenn wir an Angst denken. Da Angst individuell ist, kann sie jedoch auch eigene Ausformungen annehmen, sich verselbstständigen und dann vermehrt auftreten, ohne dass es einen real sichtbaren Anlass gibt. Dann liegt unter Umständen eine Angststörung in Form von Panikstörungen oder Phobien vor, die eine professionelle Abklärung und spezialisierte Behandlung erfordern.

Angst trifft Mut

Wenn David in Psalm 18,7 betet: „Als mir angst war, rief ich den HERRN an und schrie zu meinem Gott“, macht er nicht nur deutlich, wie normal Ängste sind, sondern benennt auch zugleich die erste Anlaufstelle in seiner Notlage. Wenn Jesus in den Abschiedsreden (Joh 16,33) sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“, zeigt er nicht nur die Realität über die Zeit nach seinem Kommen auf, sondern verweist auch auf sich selbst und bindet uns an sich. Er geht also davon aus: Es wird auch weiterhin Angst geben, und sie betrifft auch Menschen im Glauben. Und Paulus, der immer wieder in bedrohlichen Situationen war (2. Kor 11,26ff.) beschreibt, wie ihm die Zusage Gottes „Fürchte dich nicht“ (Apg. 27,24) half, mutig weiterzugehen. Ich kann also meiner Angst etwas entgegensetzen. Vor allem Gottes Zusagen. Und wer selbst die Erfahrung gemacht hat, nicht nur Angst zu erleben, sondern sie auch zu überwinden, kann wie Paulus Andere ermutigen: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7). Auf der Gegenseite von Angst steht also Mut, Vertrauen, Hoffnung.

Macht Angst krank?

Angst ist also ein natürliches Gefühl, das uns normalerweise vor Gefahren und Bedrohungen warnt. Ist die Bedrohungssituation vorbei, verschwindet auch die Angst. Verschwindet sie nicht, müssen wir über Störungen sprechen. Nämlich dann, wenn die Phänomene sehr intensiv erlebt werden, wenn sie über mehrere Monate andauern und wenn sie das alltägliche Leben behindern oder beeinträchtigen. Je nach Symptomen, Dauer und der Intensität der Beeinträchtigung kann man sechs Störungen unterscheiden, bei denen Angst eine Rolle spielt. Sie werden in groben Kategorien nach Angststörungen mit erkennbarem Auslöser, nicht erkennbarem Auslöser (Panik) und der generalisierten Angststörung klassifiziert: Neben der Agoraphobie mit plötzlichen Angstzuständen, findet sich soziale Angst (Phobie), wie zum Beispiel die Angst vor negativer Bewertung durch andere Menschen. Es gibt die Zwangsstörung und die Hypochondrie, also die Angst, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden. Und auch die posttraumatische Belastungsstörung (belastende Erlebnisse, die nicht verarbeitet werden konnten) geht mit Ängsten einher. Bei der generalisierten Angststörung (übermäßige Sorge vor Ereignissen, die eintreten könnten) umfasst die Angst einzelne Bereiche oder nahezu das ganze Leben. Hintergrund und Ausgangspunkt für Ängste sind neben einer möglichen genetischen Veranlagung die Prägung (Familie und Erziehung), belastende Lebensereignisse oder perfektionistische Denkmuster. Es können auch biologische Ursachen vorliegen. Diese sind vor allem medizinisch abzuklären.

Angst im Griff

Wege aus der Angst gibt es viele, aber niemand wird seine Angst einfach so los, da Angst nicht von außen kommt, sondern durch unsere im Gehirn verankerten Prozesse im Inneren verläuft. Unsere Traumvorstellung wäre ja „Juhu, ich habe meine Angst besiegt!“ Und wir stehen mit einem Fuß und Siegerfaust auf der am Boden liegenden Angst, während diese vom Ringrichter offiziell ausgezählt wird. Sie ist K.O. und ich bin O.K. Schön wäre es. So einfach ist es aber nicht. Denn Angst ist ein Teil von uns und was wir über lange Zeit verinnerlicht haben, müssen wir über längere Lernprozesse neu umlernen. Wer seine Ängste überwinden will, muss ins Tun kommen und Bewältigungsstrategien erkennen und lernen. Dr. Michael Cugialy sagt „Höhenangst wird nicht auf der Couch kuriert, sondern auf dem Berg.“ Im kognitiv-verhaltensorientierten Behandlungsfeld ist eine Prämisse: stell dich deiner Angst. Das heißt, ich gestehe sie mir ein und zu. Ich stelle mich aber auch zugleich dem dahinterliegenden Auslöser, den Gedanken oder der Prägung. Unterstützend dazu kann es hilfreich sein, sich den grundlegenden Angstkreislauf vor Augen zu führen. Darin erkennen wir, wie ein Auslöser, eine situative Wahrnehmung unsere Gedanken anfeuert und in Angst versetzt. Daraus resultieren Veränderungen und immer wieder auftretende Symptome.

Angstkreislauf

Angst und Leben

Es gibt zwei Szenarien: Wenn Angst dominiert, fühlt man sich bedroht, man vermeidet Handlung und flieht aus der Situation. Wer dagegen Handlungsstärke entwickelt, kann viel angemessener mit seiner Angst umgehen und greift nach hilfreichen Strategien, die Erleben und Emotion positiv verändern. Dabei kann es schon eine wesentliche Herangehensweise sein, die Vermeidung zu vermeiden und sich, wenn auch zunächst nur in kleinen, zaghaften Schritten, der Angst zu nähern. Das ist jedoch nur eine der Sofortinterventionen. Hilfreiche Praxisratgeber von renommierten Psychotherapeuten können zusätzlich eine Selbsthilfe darstellen. Bei längerer Dauer von Angstsymptomen ist eine Psychotherapie aber meist unumgänglich und hilfreich.

Deshalb hilft es, sich die ganz eigene Angstgeschichte anzusehen und ihr auf die Schliche zu kommen; Vermeidung macht das Angsterleben nur größer. Interessanterweise zeigen Studien: Wenn man

Angst nicht bekämpft, sondern sie wahrnimmt und benennt, dann verliert sie oft schon einen Teil ihrer Macht. Dabei ist es wichtig, auf sich selbst zu achten und nicht allein zu bleiben. Das bestätigt auch eine Betroffene, die, während sie sich ihrer Angst stellte, sagte: „Es hat mir sehr gutgetan, über meine Ängste zu sprechen“. Übrigens: Ohne Angst könnten wir gar nicht überleben! Es ist nicht die Angst, die uns Probleme macht, sondern unser Umgang mit ihr. Sie zuzulassen und bewusst mit unseren Grenzen und unerfüllten Bedürfnissen umzugehen, unterstützt uns dabei.

INFO

Weiterführende Anleitungen zu mentaler Gesundheit gibt es in unseren Mentoring- und Seelsorgeangeboten:

Literatur:

  • Katz, Dan 2020. Angst kocht auch nur mit Wasser: Wie wir durch Denken in Bildern negative Verhaltensmuster durchbrechen können (4. Auflage.). mvg Verlag.
  • Hillert, Andreas 2024. Stark gegen Ängste: Wirksame Strategien gegen Ängste, Phobien und Panikattacken. Stiftung Warentest.

Joachim Klein gehört seit 2010 zum Team in Adelshofen, ist Dozent am Theologischen Seminar, leitet seit Jahresbeginn fachlich die Bildungsinitiative für Seelsorge und Lebensberatung und forscht zu hilfreichen Unterstützungsformen für Menschen unserer Zeit.