Ich werde ihm noch danken
Angst und Furcht gehören zum Lebensalltag dazu und bedrängten bereits die Menschen im Alten Testament. Sie erlebten Furcht und Angst in all ihren Ausprägungen. Dr. Andreas Käser weiß aber auch, dass sie eine Zuflucht hatten. Jemanden, an den sie sich in ihrer Not wenden konnten. Einen, der Licht und Heil war. Und immer noch ist!
Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 1/2026

Die hebräische Sprache hat rund zwei Dutzend verschiedene Wörter aus diesem Bedeutungsbereich zur Verfügung, die sich im Angst-Wortfeld bewegen. Man wusste sehr wohl um die Gefahren des Lebens, um die Zerbrechlichkeit von Gesundheit und Leben, um die Gefahren des sozialen Miteinanders und die Gefährdungen durch die Natur. Soziale Not, Unterdrückung, Gewalt, üble Nachrede - all das gehörte zum Erfahrungsbereich des alttestamentlichen Menschen ebenso wie Missernten und Hunger. Außerhalb der Stadtmauern drohten wilde Tiere und Räuber. Jenseits der Grenzen lauerte die Bedrohung durch feindliche Nachbarn, zum Beispiel der Philister und Aramäer, und besonders die starken Großmächte Ägypten und in Mesopotamien (besonders Assur und Babylonien). Das sind nur einige Beispiele der Bedrohungen im Alten Testament. Furcht und Angst waren also allgegenwärtig, stets drohten Gefahren und Not. In den Gebeten der Psalmen begegnen uns deshalb schließlich auch viele dieser angst- und notvollen Situationen der Beter: Bedrohung, Verfolgung, Ausgestoßensein, Krankheit, Gefangenschaft und Todesangst.
Die Angst nicht kleinreden
Aber gerade die Psalmen sind es auch, die aufzeigen, wie die Angst überwunden werden kann. Der hermetische Punkt, von dem die Angst aus den Angeln gehoben werden kann, ist der HERR, der lebendige Gott, der Gott Israels. Er ist der verlässliche Fels, wenn Wasserströme kommen, er ist die Schutzburg, wenn Feinde drohen, er ist der Arzt in Krankheitsleiden, er ist der Retter in Verfolgung, er ist der Versorger in Mangelsituationen, er ist der Sieger in Feindbedrohung – er ist der Überwinder aller Not, er ist der Trost in allem Leid. Das bezeugen die Psalmen auf Schritt und Tritt. Folgerichtig treiben Frucht und Angst deshalb ins Gebet. Der Beter sucht seine Hilfe und Rettung beim Gott Israels, dem lebendigen Gott, bei dem Hilfe ist. Das, was Angst macht, wird dabei nicht kleingeredet, aber Gott wird als der Große, Mächtige und Erhabene gelobt, der alle Not wenden kann. Ihm wird die Angst geklagt, und dabei wird er gerühmt als der, der die Not des Beters sieht, der sich auf die Seite der Unterdrückten und Notleidenden stellt und der in Angst und Not den Bedrängten und Geängstigten zur Seite steht, sie umfängt, tröstet, schützt und ihnen hilft. Er, und nur er, kann die Wende herbeiführen. Deshalb setzt der Beter alle Hoffnung auf ihn, mutig und trotzig.
Der Angst trotzen lernen
Mit dem Blick auf Gott verlieren für den Gläubigen Furcht und Angst ihre Spitze, ihre Wucht und ihre Kraft. Psalm 27 ist ein schönes Beispiel dafür. Obwohl David von Übeltätern bedrängt, von Widersachern und Feinden bedroht, von Kriegssituation betroffen und von Freunden verlassen ist, beginnt er dieses Gebet mit einem Bekenntnis, da die Angst und ihre Verursacher geradezu verhöhnt: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“ David ist gewiss, dass der lebendige Gott alle feindseligen Machenschaften und Absichten abwenden kann. Das ist die Grundlage seines Gebets. Es ist ein trutziger Glaube, der sich hier zeigt: Die Umstände sind angsteinflößend, doch mit Gott trotzt er ihnen. Mit Gott an der Seite setzt er sich ihnen zur Wehr und leistet inneren und äußeren Widerstand. Ein Trotzdemglaube, der den Umständen trotzt, weil Gott seine Trutzburg ist, ein Schutzraum für die Gegenwehr, und weil Gott ein handelnder Gott ist, der sich zugunsten der Rettung einschaltet und einmischt.
Wenn das Alte Testament ein Rezept gegen die Angst hat, dann ist es dieses: Sich in der Angst auf Gott zu werfen, von ihm die Hilfe zu erwarten und sich mit Gott an der Seite der Situation zu stellen. David bezieht sich dabei auf ein Angebot, das Gott den Glaubenden selbst gemacht hat: sich an ihn zu wenden. „Mein Herz hält dir vor dein Wort ‚Ihr sollt mein Antlitz suchen.‘ Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz“. Sucht mich auf, bittet mich um Hilfe – diese Möglichkeit eröffnet Gott dem, der sich zu ihm hält. Und das dürfen auch wir heute in Anspruch nehmen. Gott hat sein Angebot, sich an ihn zu wenden, nie zurückgenommen, vielmehr hat er es in Jesus Christus bestätigt und bekräftigt.
Harre auf Gott, meine Seele
Davids trutziges Bekenntnis, dass ihm Gott Licht und Heil, Lebenskraft und Rettung ist, ist freilich auch ein angefochtenes Bekenntnis, eines, das als Bekenntnisaussage in den Raum gestellt wird und doch auch erst auf innerem Weg errungen werden muss. Einen Einblick in ein solches Ringen, um vom Bangen zum Trutzen und Trotzen zu gelangen, gibt uns der Doppelpsalm 42 und 43 in seinem dreifachen Refrain: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“. Bemerkenswert ist, dass der Beter dort seine eigene Unsicherheit, seine Unruhe und seine Zweifel anzweifelt und in Frage stellt, nicht aber Gottes Möglichkeiten. Das ist der Weg aus der Angst zur Glaubensgewissheit: Gott mehr zu trauen als den eigenen Ängsten und Furchtsamkeiten.
Die Psalmen wurden uns überliefert, weil sie auch für uns wesentlich sind. Sie geben auch uns Worte für unsere Ängste, Beschwerden, Nöte und Anliegen. Aber insbesondere leihen sie uns auch die Worte, um unseren eigenen Weg des Gebets zum lebendigen Gott zu finden, bei dem Hilfe, Rettung und Überwindung von Not und Angst auch für uns zu finden ist – und Trost mitten im Leid. Viele Väter und Mütter des Glaubens haben das für sich entdeckt: die Kraft des Gebets, das sich speist und beflügelt wird aus dem Beten von Psalmen.
Wenn wir also danach fragen, wie wir unserer Angst etwas entgegensetzen können, um nicht darin unterzugehen, dann finden wir in den Psalmen folgende Antwort: Trotze der Angst, indem du dich auf Gott berufst, ja, dich auf ihn wirfst und ihn bittest, zu handeln. Leih dir die Worte der Psalmen für dein Gebet, Gott um Hilfe zu bitten. Wende dich an ihn! Er ist unser Licht und unser Heil – vor wem sollten wir uns noch fürchten?
INFO
Die Psalmen sind Thema auf unserem Sommercampus vom Sonntag, 9. bis Samstag, 15. August in Adelshofen mit Jürgen Schulz und Andreas Käser. Alle Infos unter: www.tsadelshofen.de/sommercampus
Dr. Andreas Käser gehört seit 2025 als Dozent für Altes Testament und Studienleiter zum Team des Theologischen Seminars und lebt mit seiner Frau Sandra in Schwieberdingen bei Ludwigsburg.

