Ich kenne die Angst gut
Eigentlich ist sie ein fröhlicher Mensch, lacht gern und ist für allerhand Blödsinn zu haben. Eigentlich. Denn sie trägt auch manche Last mit sich rum, die sich dem Licht des Lebens störend und hässlich in den Weg stellt. Doch da ist noch mehr, erzählt Sr. Irmtraud Heimgärtner, und sie schreibt von Erfahrungen, die ihr niemand jemals nehmen kann.
Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 1/2026

Ich würde behaupten, dass ich schon mein Leben lang mit Ängsten zu kämpfen habe: Angst im Umgang mit Menschen, Angst davor, dass ich untergehe und zu kurz komme. Angst mich festzulegen und Entscheidungen zu treffen, Angst, Fehler zu machen. Angst vor Ablehnung, Angst vor Kritik. Angst, Angst – Angst! Und das in einem Ausmaß, das mich vor vielen Herausforderungen des alltäglichen Lebens zurückschrecken ließ.
Nun stehe ich seit fast einem Jahr in der Herausforderung, mit der Diagnose „Krebs“ zu leben. Zwei Operationen liegen bereits hinter mir, dazu eine Chemotherapie, mit der ich nicht gerechnet hatte, und eine Bestrahlung. Ich bin gelernte Krankenschwester und muss sagen: Aufgrund der Erfahrungen, die ich früher im Beruf gemacht habe, hat mir die Chemotherapie schon richtig Angst gemacht. Angst vor der Übelkeit, dem Erbrechen und körperlicher Schwäche.
Nur ganz langsam
Doch die Nebenwirkungen, die ich dann tatsächlich hatte, waren ganz anderer Art. Ich hatte schon bei der zweiten Chemoeinheit allergisch reagiert, aber Gott sei Dank nicht durch einen allergischen Schock. Meine Mitpatientinnen haben die Situation sofort erkannt und richtig eingeschätzt, sie waren in ihrer Reaktion viel schneller als ich und haben sofort für Hilfe gesorgt. Krankenschwestern und Ärzte waren umgehend zur Stelle und unterbrachen meine Behandlung. Bei den Folgebehandlungen wurde das Medikament jedes Mal eingeschlichen, also zuerst ganz kleine Mengen, die dann sehr langsam gesteigert wurden, was wiederum insgesamt zu einer langsameren Verabreichung führte. Zum Schluss hat meine Haut dennoch stark allergisch reagiert und ich hatte am ganzen Körper einen extrem juckenden Ausschlag. Während dieser Behandlungsphase in der Klinik aber hatte eine ausgesprochen erfahrene Krankenschwester Dienst und eine Idee, wie man diesen Ausschlag in den Griff bekommen könnte. Ein kleines Hoffnungszeichen.
Mit ganzer Fürsorge
Alles in allem waren die Monate keine prickelnden Momente und Erfahrungen, aber in der Rückschau erkenne ich noch viel klarer, was ich vorher zumindest theoretisch im Kopf wusste: Gott war mittendrin und hat jeweils im richtigen Moment geholfen. Mitten in meinen Ängsten und in allen Unannehmlichkeiten war er mit seiner ganzen Fürsorge für mich da; zum Beispiel in und durch besagte Krankenschwestern. Ich habe in stärkerem Maß verstanden, dass ich mich existentiell auf ihn verlassen kann. Dass er sich kümmert, dass er sorgt. Für mich!
Was, wenn es falsch ist?
Diese tiefe Erkenntnis trägt mich immer noch, obwohl die Gefahr besteht, dass der Tumor wieder wachsen könnte und Metastasen streut. Um das möglichst zu verhindern, soll ich noch über Jahre hinweg ein zusätzliches Medikament einnehmen. Noch eins! Will ich das? Kann ich das? Und wieder stand ich vor einer großen Herausforderung und musste eine wichtige Entscheidung treffen. Davor habe ich ja eigentlich Angst, weil ich etwas Falsches entscheiden könnte, ich schrieb ja eingangs schon davon. Und in allem war da dann auch noch wieder die Angst vor allen möglichen Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen, Angst vor dem Verlust von Lebensqualität. Ätzend!
Mut, zu glauben
Dank eines ausführlichen Arztgespräches aber will und kann ich mich jetzt darauf einlassen. Anerkennend, dass ich nicht weiß, was kommt. Was ich aber weiß, ist dies: Gott ist mittendrin! Er sieht mich, kennt mich, kennt meine Schmerzen, Ängste und Hoffnungen! Er macht mir Mut zu glauben, dass mein Leben auch mit eingeschränkter Kraft und Energie noch lebenswert und wertvoll ist. Die Erfahrungen, die ich seit der Krebsdiagnose mit Gott gemacht habe, nimmt mir niemand mehr. Und sie machen mich entschlossener, auch in und trotz meinen Ängsten das zu tun, was mir wichtig ist und guttut.
Sr. Irmtraud Heimgärtner gehört seit 1997 zur Kommunität, liest und tanzt gern, leitet seit einigen Jahren die Arbeit in der Bücherstube und mags lieber deftig als süß.

