Die Angst in uns

Vor was fürchten sich eigentlich junge Leute? Menschen, die ihrer Entwicklungsphase gemäß mit unglaublicher Energie und Lebensfreude vollgepumpt sein müssten? Aufbrecher, Entdecker, Durchstarter, Losgeher, Sprinter, Aushalter, Gestalter, Schaffer, Lebenseroberer – vor was können die schon Angst haben? Wir haben bei Almuth Lein und Johann Kulosa aus unserem Jahresteam nachgefragt.

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 1/2026

Wovor hast du Angst?

JOHANN: Angst ist nichts Schönes, außer man kann sie kontrollieren. Es macht ehrlich gesagt schon Spaß, im Dunkeln draußen zu sein oder Achterbahn zu fahren, wobei immer auch ein bisschen Angst im Spiel ist. Irgendwann hört der Spaß aber auch auf. Manchmal nimmt die Angst unseren Alltag ein und lässt sich nicht mehr so leicht ignorieren. So eine Angst begleitete mich mehrere Jahre meiner Schulzeit. Die Furcht vor dem, was andere über mich denken oder denken könnten, war viel zu lange zu bestimmend in meinem Leben. Und das, obwohl ich nie Mobbing erlebt habe. Es waren ganz einfach nebensächliche Aussagen über mein Aussehen oder meine Stimme, die heutzutage auch als Spaß interpretiert werden könnten. Sowas hat sich aber bei mir eingebrannt, weil ich einfach ein Mensch bin, der Sachen „zerdenkt“, man könnte auch sagen, ein „Overthinker“. Ich sehe also Probleme oder mache mir Sorgen, die für andere gar kein Thema wären.

ALMUTH: Am Montag nach dem zweiten Adventssonntag wurde ich von ihr überrumpelt. Sehr plötzlich, von einem Tag auf den anderen - ohne jeglichen Zusammenhang für mich. Eine Angst, die mich tatsächlich erst kurze Zeit begleitet. Sie steht in enger Verbindung mit Anfechtungen. Ich kannte Anfechtungen und Prüfungen verschiedener Art zwar bereits. Neu war für mich also nicht, in meinem Glauben an Jesus angefochten zu werden, sondern das Ausmaß davon. Und das jagt mir große Angst ein. Diese Zustände sind schwer zu beschreiben, weil Gefühle und Gedanken sehr eng miteinander zusammenhängen, ja, ineinander verschwimmen. Das heißt, Gefühle werden zu Gedanken und Gedanken werden zu Gefühlen. Und ihr Kern sind die Sätze: „Das alles ergibt keinen Sinn“ und „Ist das wirklich so?“. Sätze der Schlange. Alles, woran ich glaube, wird angezweifelt. Und meine Angst ist, dass ich nicht standhaft genug bleibe.

Was löst das in dir aus?

JOHANN: Eine große Gefahr von Angst ist, dass man sie gar nicht bewusst wahrnimmt und sie sich schleichend durch unser Leben zieht. Meine Angst vor dem, was andere über mich denken, führte schließlich ganz unterbewusst dazu, dass ich mich immer weiter zurückzog. Während der Corona-Zeit war das auch nicht besonders schwer. Ich hatte meine kleine Freundesgruppe und die reichte mir. Meine Freizeit bestand dann zum Großteil daraus, am Computer zu sitzen und das konnte ich den ganzen Tag lang machen. So hatte ich kein Bedürfnis mehr, neue Leute kennenzulernen und dementsprechend schlecht waren dann auch meine Fähigkeiten dafür. In der Schule war es dann mein Ziel, möglichst unauffällig zu sein. Nichts Auffälliges zu machen, aber auch schlicht auszusehen, sodass mein Kleiderschrank voll war mit schwarzen Klamotten. Wenn ich dann mal mit neuen Schuhen oder einer neuen Jacke kam, war ich ziemlich aufgeregt und ängstlich vor dem, was andere darüber denken oder sagen könnten.

ALMUTH: Das Fiese an Ängsten ist, dass sie einem, wie auch immer sie aussehen, weismachen wollen, sie wären fester Bestandteil von uns. Ein Brandmal. Diese scheinbare Realität bei mir lässt sich nicht einmal durch nur eine Metapher ausdrücken, es braucht gleich mehrere. Es ist wie von Leere umgeben zu sein, gegen das Ertrinken anzukämpfen und von Pfeilen beschossen zu werden. Am schlimmsten für mich ist, oft nicht mehr sagen zu können, welche Gedanken von mir kommen und welche nicht. Die Gedanken sind meist zu wirr, um dem „Alles ergibt keinen Sinn“ logische Argumentationsketten entgegenzusetzen. Dadurch und durch die Schnelligkeit der Pfeile fällt es mir schwer, jeder Lüge sofort mit Gottes Wahrheit zu antworten. Doch in dem Versuch trotzdem standzuhalten, bin ich schon nach kurzer Zeit erschöpft, so anstrengend ist es, dagegen anzukämpfen. Meist bleibt nur ein verzweifeltes „Nein, das stimmt nicht!“ übrig.

Wie gehst du damit um?

JOHANN: Jetzt dufte ich die letzten Jahre eine Veränderung erleben, die mich so viel freier gemacht hat. Das Wichtigste dabei war zu sehen, wie viel mehr ich bin als die albernsten Kommentare anderer über mich. Zu lernen, dass es auch positive Dinge gibt, die Menschen mit mir verbinden. Das kostete zwar Überwindung, in meinem Fall in ein neues Umfeld zu kommen. Aber dann zu merken, dass Menschen mich schätzen, auch wenn ich nicht perfekt bin, ist so schön. Ich brauche also keine Angst haben, was sie über mich denken. Vielleicht auch weil sie ehrlich, aber nicht oberflächlich zu mir sind. Die Erfahrung habe ich in mehreren neuen Gruppen gemacht, aber das geht bloß nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess über einen langen Zeitraum. Auch was andere Menschen über mich denken, ist für mich immer noch ein Thema. Aber das ist nicht schlimm, solange klar ist, dass es mehr über mich zu sagen gibt, als verletzende Bemerkungen.

ALMUTH: Zu Jesus kann ich alles bringen. Das habe ich schon früh gelernt, nachdem ich ihm mein Leben gab. Dieses Wissen ist mein Rettungsseil zu jeder Zeit. Mir hilft es, diese innere Qual auszusprechen, zu versuchen, sie in Worte zu fassen. Vor meinem Erlöser und auch vor Geschwistern. Zeit mit Jesus zu verbringen, ist mir wichtiger denn je geworden. Mir fällt es jedoch schwer, wirklich still vor ihm zu werden. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, mit den Gedanken und Gefühlen zu ringen. Meine Aufgabe ist aber nicht zu kämpfen, wenn die Heeresmacht der Angst um mich tobt, sondern auszuharren. Ironischerweise ist das Nichtkämpfen für mich genauso anstrengend, wie das Kämpfen. Weil es loslassen heißt. Vertrauen. Aber wie unruhig und zerrissen ich mich auch fühle, Ruhe finde ich nur bei Jesus und Heilung vollbringt nur er. Auf ihn warte ich in meiner Angst, Vertrauen lerne ich genau darin.

Almuth kommt aus Südbrandenburg, mag Apfelauflauf mit Vanillesoße fast so gern wie singen, und überlegt nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr an einer Bibelschule zu studieren.

Johann kommt aus Magdeburg, macht sehr gerne Musik, liebt es zu lachen und geht nach seinem Freiwilligendienst vielleicht in die Schweiz.