Mehr als bloße Theorie

Bei uns heißt es immer wieder: Neues Jahr, neues Team. Oder anders gesagt: Jeden September startet das neue Jahresteam mit bis zu zehn jungen Frauen und Männern, die im Rahmen ihres Freiwilligendienstes mit uns leben und arbeiten. Ole Kratzat ist für dieses Angebot verantwortlich und weiß: Was keinen Platz im Leben findet, verdorrt als bloße Theorie.

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 3/2025

Jahresteam Adelshofen

Hier treffen unterschiedliche Gewohnheiten und unterschiedliche Prioritäten aufeinander. Wenn neun junge Menschen, die bislang zuhause gelebt haben, sich plötzlich miteinander einen Wohn-Flur teilen, dann braucht es gemeinsame Absprachen, damit das auch gut funktioniert. Natürlich könnte man einfach sagen: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe! Aber diese Regel allein reicht leider nicht aus und ist erfahrungsgemäß auch schwer zu befolgen. In der ersten Woche des neuen Jahresteams beschäftigen wir uns daher wie immer mit dem Thema „Gemeinschaft“: Was ist mir wichtig? Worauf kommt es an? Was macht ein gutes Miteinander aus? Im Grunde: Welche Werte sind mir, beziehungsweise uns, besonders wichtig?

Die Liebe steht ganz oben

Wir teilen uns in kleine Gruppen auf und jede bekommt einen Stapel Kärtchen, 30 Stück an der Zahl, auf denen ganz unterschiedliche Werte stehen. Aus diesen suchen sich die Gruppen nun die für sie wichtigsten drei Werte aus. Es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich die Ergebnisse sind. Fest steht: Liebe ist bei fast jeder Gruppe ganz oben mit dabei. Danach kommen Werte wie Vertrauen, Vergebung, Zusammenhalt, Wahrheit, Rücksichtnahme, Einsatz für Gott. Am Ende des Prozesses und nach einer sorgfältigen Auswahl werden wir uns dann alle einig, mit welchen Werten als Grundlage wir miteinander unterwegs sein und unser gemeinsames Leben gestalten wollen.

Nun zeigt das gemeinsame Leben aber auch: Werte sind wertlos, wenn sie nicht gelebt werden. Es ist eine Sache, die Liebe
hochzuhalten, aber eine ganz andere, den Nächsten tatsächlich zu lieben. Zu vergeben, wenn das Gegenüber immer wieder die gleichen Fehler macht. Zu vertrauen, wenn für einen selbst doch einiges auf dem Spiel steht. Die Wahrheit zu sagen, wenn das ein unangenehmes Gespräch mit sich bringt. Schnell zeigt sich im Arbeits- und WG-Alltag: Werte sind leicht zu formulieren, aber schwer umzusetzen. Ich muss da an eine alte Liedstrophe von Theo Lehmann und Jörg Swoboda denken: „Gut gemeint und schlecht gemacht, oberflächlich ausgedacht ist so vieles. Es verdorrt ohne dein Wort.“

Manchmal kommt es anders

Wie oft nehmen wir uns doch großartige Dinge vor, aber scheitern bei der Umsetzung. In der Praxis merken wir: Uns fehlt die Kraft, all diese edlen Werte rund um die Uhr zu leben. Sie können uns zwar Orientierung und Ausrichtung geben, aber ohne Umsetzung verändern sie nichts. Werte verstauben und verlieren an Bedeutung, wenn sie nicht zu Früchten werden. Wo Menschen aber nicht nur in höchsten Tönen von der Liebe sprechen, sondern tatsächlich lieben, da tut sich was. Wenn wir damit anfangen, unsere Überzeugungen zu leben, dann entsteht Frucht. In Johannes 15,5 sagt Jesus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wenn unser Leben gute Frucht hervorbringen soll, wenn wir in unserem Miteinander Werte wie Liebe, Freude, Frieden und Treue (vgl. Gal 5,22–23) sehen wollen, dann brauchen wir die Beziehung zu Gott. Wir brauchen seinen
Geist. Gute Frucht im Leben eines Menschen entsteht langfristig nur aus der Nähe zu Gott und seinem Wort. Im Refrain des schon zitierten Liedes heißt es weiter: „Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt, und dein Geist in meinem Leben gute Früchte trägt, deine Kraft durch mich die Welt zu deinem Ziel bewegt, Herr, du kannst dies Wunder tun.“

Im Jahresteam haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich die Werte, auf die wir uns anfangs geeinigt hatten, auf Dauer gar nicht so leicht leben lassen. Gleichzeitig dürfen wir aber auch immer wieder erleben, wie im Leben dieser jungen Menschen Frucht entsteht, weil sie Jesus
begegnen. Wo im Laufe des Jahres vielleicht auch mal Streit aufkommt, ist später Vergebung möglich. Wo anfangs lieber geschwiegen wird, wird später das ehrliche Gespräch gesucht. Wo es zwischenzeitlich an Vertrauen mangelt, entsteht später tiefe Gemeinschaft.

Am Ende aber fruchtbar

Wenn Frucht entsteht, wenn Gottes Wort in unserem Leben sichtbar wird, dann ist das jedes Mal ein Wunder. So durften wir als Jahresteamleitung in den vergangenen Jahren schon so manche Wunder im Leben der Jahresteamler miterleben. Natürlich verläuft aber nicht alles nur rosig. Nicht aus jedem Wort wird am Ende Frucht, nicht immer erleben wir ein Wunder. Manches wird nicht umgesetzt. Manches bleibt ein nettes Wort, eine Schlagzeile auf einem Plakat, aber es kommt nicht im gemeinsamen Zusammenleben an. Manches verdorrt, so wie es in der Liedstrophe heißt.

Und auch das gehört zum gemeinsamen Leben dazu. Manchmal sind uns am Ende des Jahres ganz andere Werte viel wichtiger als die anfangs festgelegten. Weil das echte Leben dann eben doch zeigt, worauf es im Alltag wirklich ankommt, und dass es mehr braucht, als nur das theoretische darüber Nachdenken. Beides ist nötig: Die Festlegung auf gemeinsame Werte und das gemeinsame Leben, in dem sich diese bewähren können. Und über allem: Die Beziehung zu Gott, aus der heraus dann Frucht entsteht.

Ole Kratzat ist mit Nadine verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er absolvierte 2020 das Theologische Seminar und kehrte nach zwei Jahren Gemeindeerfahrung nach Adelshofen zurück. Neben der Leitung des Jahresteams kümmert er sich um Jugendevents, Freizeiten und seine Musik.