Und dann war es lebenslänglich

Eigentlich war das nicht ihr Plan gewesen, sie wollte nur mal ein Jahr lang ihre Arbeitsroutine unterbrechen und etwas anderes sehen. Eigentlich. Dann entdeckte sie, dass menschliche Pläne und Gottes Ideen sich unterwegs manchmal treffen und entdecken, wie gut sie im Grunde zusammenpassen. Und zusammengehören. Sr. Irmgard Schurz über 40 Jahre Leben in der Kommunität.

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 3/2025

Und dann war es lebenslänglich

1978 entschloss ich mich, eine kleine Berufspause einzulegen. Außerdem bewegte mich schon länger die Frage nach der Zukunft. Welchen Weg möchte Gott mit mir gehen? Mit diesen und anderen Fragen im Herzen kam ich nach Adelshofen in das Programm, das wir damals noch Lebensschule nannten, und es wurde ein sehr wertvolles Jahr für mich. Ich war fasziniert vom Leben der Schwestern und Brüder in der Kommunität. Ich glaube, Gott klopfte bereits leise an meine Herzenstür. Nach dem Jahr Lebensschule blieb ich in Adelshofen und begann die Ausbildung am Theologischen Seminar.

Als wir einen Tag der Stille hatten, stand mir plötzlich Gottes Liebe sehr groß vor Augen. Ich war so überwältigt und sagte zu ihm: „Herr, ich danke dir für das große Geschenk, das du mir gemacht hast: Du hast mich gerettet für Zeit und Ewigkeit. Ich möchte dir zur Verfügung stehen an dem Platz, den du gedacht hast.“ Unmittelbar nach diesem Gebet musste ich an die Kommunität denken. Am gleichen Tag las ich die Worte in Jesaja 43,18 und 19: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ Meinte Gott mit dem ‚Neuen‘, dass er mich als Schwester in die Kommunität führen möchte? Ein freudiges Staunen erfüllte mein Herz, aber ich behielt diese Gedanken für mich.

Immer wieder kamen neue Impulse in Richtung Kommunität, trotzdem beschäftigten mich auch viele Fragen zu Ehe und Familie. Es folgten manche inneren Kämpfe. Aber der Gedanke, Schwester zu werden, ließ mich nicht mehr los. Am Ende der Ausbildung am TSA konnte ich mir dann vorstellen, den Weg in die Kommunität einzuschlagen. Also wagte ich es, 1983 mit dem Noviziat zu beginnen und trat 1985 mit großer Freude in unsere Gemeinschaft ein. Inzwischen sind 40 Jahre vergangen! Aus der Vielfalt an Erfahrungen dieser Zeit möchte ich einige wenige herausgreifen, die mich besonders dankbar machen.

Ich habe mich selbst gefunden

In den ersten Jahren in Adelshofen war ich eine schüchterne, angepasste junge Frau, die sich nichts zutraute. Um das zu verändern, gebrauchte Gott schmerzliche Prozesse. Es begann in einer großen Krise unserer Gemeinschaft, die mich sehr betroffen gemacht hat. Es war eine dunkle und schwere Zeit für mich und es wurde ein langer Weg der persönlichen Aufarbeitung. Mehr und mehr versuchte ich nun, in der Gemeinschaft nicht nur einfach angepasst, sondern auch ich selbst zu sein. Ich fand den Mut, „Nein“ zu sagen, wenn ich Nein meinte. Immer häufiger äußerte ich, was ich wirklich empfand und wollte und lernte, Konflikten nicht auszuweichen, sondern ruhig mal auf Konfrontation zu gehen. Durch all das entdeckte ich, was Gott an guten Gaben in mich hineingelegt hat.

Ich bin ein Kontaktmensch

Ich entdeckte auch, dass ich gerne mit Menschen zusammen bin. Es macht mir Freude, wenn was los ist, ich mag es, neue Leute kennenzulernen. Und in den zurückliegenden Jahren lernte ich viele neue Leute kennen: Ehemalige, die unsere Ausbildung absolviert hatten, Freunde vom Werk, Menschen, die zu Besuch kamen. Manche davon wurden mir zu persönlichen Freunden. Daneben musste ich aber lernen, dass es auch zu viel werden kann und es nötig ist, Zeiten ohne Menschen einzuplanen, um wieder aufzutanken. In diesem Bereich lerne ich immer noch eigene Grenzen wahrzunehmen und einzuhalten. Das bleibt ein großes Thema meines Lebens.

Ich entdeckte, was mir Freude macht

Als junge Schwester war ich in unserem Planungsbüro eingesetzt. Große Veranstaltungen waren zu organisieren und die täglichen Abläufe zu planen, das machte mir sehr viel Spaß. Ich wusste gar nicht, dass ich so was kann! Auf dem Weg lernte ich eine Menge Dinge und Fertigkeiten, die ich auch später in anderen Kontexten gut gebrauchen konnte. Dann habe ich fast zwei Jahrzehnte unseren Buchladen geleitet, das Arbeiten dort war für mich ein besonderes Geschenk von Gott. Ich lese so gerne und ich kaufe gerne ein, das war eine wunderbare Kombi und ich freue mich, wenn ich jetzt im „aktiven Ruhestand“ ab und zu eine Vertretung in der Bücherstube übernehmen kann.

Ich liebe kreatives Gestalten

Beim Umgestalten und Dekorieren des Buchladens für Weihnachten, Ostern und andere saisonale Anlässe, beim kunstvollen Verpacken von vielen Geschenken und beim Vorbereiten von Räumen für Veranstaltungen merkte ich, dass solche Tätigkeiten mir Spaß machten und für mich sehr entspannend waren. In meinem Prozess, die schon erwähnte Krise zu verarbeiten, lernte ich Kunsttherapie kennen. Es half mir sehr, mich in Farben oder durch die Gestaltung mit anderen Materialien auszudrücken, wenn mir die Worte fehlten. In mir wuchs der Wunsch, diese Erfahrung auch anderen Menschen zugänglich zu machen. So freute ich mich sehr, als ich die Möglichkeit bekam, berufsbegleitend eine dreijährige Ausbildung zur Kunsttherapeutin zu machen. Inzwischen kann ich das Gelernte bei Seminaren und Freizeiten wirkungsvoll einsetzen.

Ich schätze unsere Gemeinschaft

Schon in meiner Anfangszeit wurde mir deutlich, dass ich gerne mit anderen zusammenarbeite und meinen Beitrag leiste. Das ist nicht immer einfach bei so unterschiedlichen Menschen, dennoch sehe ich darin einen großen Gewinn. Das deckt sich mit dem, was ich ganz oft schon gedacht habe und in letzter Zeit auch immer wieder sage: Ich bin so dankbar, dass ich hier in unserer Gemeinschaft leben kann und darf, es war und ist ein wunderbar vielschichtiges Leben, in das Gott mich gestellt hat! Ja, als Gemeinschaft durchlebten wir viele Prozesse und Veränderungen, bis heute, wir haben miteinander und auch aneinander gelitten - und wir haben uns so oft und viel und tief miteinander gefreut. Ich bin gespannt, was Gott hineinlegt in die kommende Zeit für uns als Kommunität und für mich ganz persönlich. Für mich gilt und bleibt, was Lukas Di Nunzio Ende der 90er Jahre in einem Liedtext so formuliert hat: Ein Leben gegeben für den Herrn der Welt. Ein Leben gegeben für das, was wirklich zählt. Ein Leben für Gott, für ihn allein, das soll mein Leben sein.

Sr. Irmgard Schurz ist gelernte Krankenschwester, Kunsttherapeutin und leidenschaftlicher Bücherwurm. Sie feiert dieses Jahr ihr 40jähriges Jubiläum in der Kommunität und freut sich auf mehr!