Ehelos, arm und gehorsam

Dass das Leben in einer Kommunität schon dem Himmel auf Erden gleicht, bezweifeln manche. Kaum aber jemand weiß das so genau wie die, die kommunitär leben. Sr. Meike Walch beschreibt die drei Grundpfeiler ihrer Lebensform, findet viel Gutes daran und meint: Die Prinzipien sind es wert, auch in anderen Beziehungskonstellationen gelebt zu werden.

Dieser Beitrag erschien im LZA-Journal 3/2025

Kommunität Adelshofen

Wenn Menschen mir zum ersten Mal begegnen, sind die Reaktionen sehr verschieden:
Die einen erstarren fast in Ehrfurcht und Respekt vor der „ehrwürdigen Schwester“, die anderen fragen dezent oder ganz offensiv, ob ich noch bei Sinnen bin und warum ich auf alles verzichte, was in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gilt: Karriere, Geld, Sex und Selbstbestimmung. Zum Glück bin ich nicht die einzige, die diese Form zu leben gewählt hat. Es gibt viele von uns und die Form schon ziemlich lange. Bereits seit 1700 Jahren leben Menschen in Gemeinschaft nach den evangelischen Räten Armut, Keuschheit und Gehorsam, manche sogar noch viel länger. 325 gründete Pachomius dann in Tabennisi am Nil das erste Kloster und gab dem Ganzen dann auch eine äußere Form. Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam haben dabei vor allem zeichenhaften Charakter: Sie weisen darauf hin, dass wir als Menschen die endgültige und vollkommene Erfüllung unserer großen Sehnsüchte nicht in irdischen Dingen allein finden können.

Armut

Wir leben mit unserer Kommunität in Deutschland und sind, verglichen mit vielen anderen Menschen auf dieser Welt, nicht wirklich arm. Daher formulieren wir in Adelshofen Armut als einfachen Lebensstil. Jede Schwester, jeder Bruder hat ein eigenes Zimmer, die meisten mit Nasszelle. Das war zwar nicht immer so, aber beschreibt den heutigen Stand. Wir können uns jeden Tag an einen gedeckten Tisch setzen, bekommen alles Lebensnotwendige gestellt und dazu ein Taschengeld. Große Auslandsreisen sind so nicht oder zumindest nur zu besonderen Anlässen möglich. Aber ich habe in den über 20 Jahren meines Schwesternlebens von unserer Leitung immer gespürt, dass man sich auch etwas gönnen darf, das über das Lebensnotwendige hinausgeht.

Schon die Jünger Jesu verzichteten auf individuellen Besitz, Judas verwaltete die Gemeinschaftskasse (Johannes 12,6). Jesus sandte seine Jünger ohne Geldbeutel und Vorratstasche aus. Trotzdem konnten sie auf seine Frage: „Habt ihr jemals Mangel gehabt?“, nur sagen: „Niemals“ (Lukas 22,35).

Der Rat der Armut konkretisiert sich am deutlichsten in der Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde, die alles gemeinsam hatte und in der jedem zugeteilt wurde, was er nötig hatte (Apostelgeschichte 2, 44-47). Wir besitzen zum Beispiel gemeinsam einige Autos und ich kann mir eins ausleihen, wenn ich es brauche, mein Gehalt als Pfarrerin fließt in die gemeinsame Kasse. Ressourcen schonen, Reduktion auf das Wesentliche und nachhaltiger Lebensstil sind Werte, die in den letzten Jahren auch außerhalb der Klöster und Kommunitäten wiederentdeckt wurden. Auf den ersten Blick gilt das auch für den zweiten Rat:

Ehelosigkeit

Allerdings in der Gesellschaft heute eher im Sinne von: Ich möchte mich nicht auf eine Person und schon gar nicht für immer festlegen. Im kommunitären Lebensstil bedeutet Ehelosigkeit, dass wir uns ausschließlich an Jesus binden und so unsere Hingabe an ihn ausdrücken.

Übrigens: Im Himmel, bei der Auferstehung wird man nicht mehr heiraten (Matthäus 22,30), und es wird dennoch paradiesisch sein! Wir leben eine freiwillige Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ (Matthäus 19,12). Ohne Verantwortung für einen Ehepartner und Kinder kann unsere Sorge sich ganz auf Gottes Reich konzentrieren. Der Verzicht auf eine eigene Familie macht freier für Gott und die Mitmenschen. Wir sind verfügbarer für spontane Dienste. Paulus bezeichnet in 1. Korinther 7 die Fähigkeit, ohne ständigen Krampf auf eine Ehe und damit auf eine sexuelle Beziehung zu verzichten, als eine Gabe Gottes. Wie alle Gaben dient auch diese zur gegenseitigen Bereicherung und zur Ergänzung im großen Reich Gottes.

Auch wenn wir ehelos leben, so doch nicht beziehungslos. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, gilt auch für Ordensleute. Diese Beziehungen sind vielfältig: Innerhalb der Kommunität, zur jeweils eigenen Herkunftsfamilie, zu Freunden aus verschiedenen Lebensphasen. Und wir geben beim Eintritt auch nicht unsere Sexualität ab, wir finden nur andere Wege, diese schöpferische Kraft, zum Beispiel durch kreatives Gestalten, auszudrücken. Allein auf Jesus fokussiert zu sein, keinen exklusiven menschlichen Partner zu haben, sehe ich als Chance, die Beziehung und Liebe zu ihm zu vertiefen. Eine Gelingens-Garantie gibt es dabei aber nicht!

Gehorsam

Dieser Begriff klingt für heutige Ohren ausgesprochen unattraktiv. Gemeint ist nicht ein sklavischer, sondern ein mündiger Gehorsam. Zunächst geht es um das Horchen auf Gottes Wort und das Gehorchen gegenüber seinem Willen. Wir folgen damit dem Gehorsam Jesu, der durchaus mit dem Vater rang, aber aus Liebe zu uns Menschen einwilligte, um eines höheren Zieles wegen seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Dass wir uns in unserer Kommunität der Autorität der gewählten Leitung und unserer Ordnung unterstellen, ist kein Abschieben eigener Verantwortung. Es ist notwendig, um unseren gemeinsamen Auftrag zu verfolgen und nicht in Individualismus abzugleiten. Jeder darf und soll mithören, mitdenken, mitbeten und mitsprechen. Grundsätzlich geben wir mit dem Eintritt aber unser Ja dazu, das zu tun, womit uns die Leitung der Kommunität beauftragt.

Und um abschließend einem Missverständnis vorzubeugen: Ein Leben nach diesen drei Evangelischen Räten will weder eine höhere, vollkommenere Form des Christseins sein, noch Familie geringschätzen. Es ist unsere spezielle Berufung, eine Lebensform unter anderen, die in der Freiheit des Evangeliums möglich ist, die wir an manchen Tagen mit Begeisterung und Gelingen leben, um die wir an anderen Tagen mühsam ringen und manchmal scheitern. Dennoch: Die Werte der Schlichtheit, der Keuschheit im Sinne von Reinheit und Ausschließlichkeit einer Beziehung, sowie der Gehorsam gegenüber Gottes Willen, ihm eigene Bedürfnisse unterzuordnen – diese Werte sind es sicher wert, auch in andere Lebensstände übersetzt zu werden.

Sr. Meike Walch ist Pfarrerin der badischen Kirchengemeinde Elsenz-Rohrbach, Dozentin am Theologischen Seminar, gehört seit 2004 zur Kommunität und liebt das kontemplative Gebet in einer schönen Umgebung.